Literaturrecherche

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Die Literaturliste, die Sie von Ihrem Betreuer erhalten, sollte nur als Startpunkt angesehen werden. Es gehört inhärent zur einer wissenschaftlichen Ausarbeitung sich selbständig mit themenverwandter Literatur zu beschäftigen und eine eigene Literaturrecherche durchzuführen.

Bitte lesen Sie vor Ihrer Literaturrecherche Kapitel 4.3 aus dem Buch Studienarbeiten von Deininger et al.

Hinweise dazu wie Sie Literatur im Text zitieren und wie sie Literaturverzeichnisse erstellen finden sie auf der separaten Seite Zitieren.

Motivation

Die Literaturrecherche ist ein wichtiges Element jeder wissenschaftlichen Arbeit. Sie sollte mit dem Ziel der Beantwortung einer wissenschaftlichen Fragestellung durchgeführt werden. Erst wenn eine umfassende Kenntnis eines Fachgebiets erreicht wurde, sowie die Schwächen existierender Lösungsansätze für ein bestimmtes Problem bekannt sind, sollte überhaupt mit der Erstellung eines eigenen Lösungsansatzes begonnen werden. Bei Diplom- und Studienarbeiten können Studenten meist auf die Literaturrecherche ihrer Betreuer aufbauen. Trotzdem ist eine eigenständige Literaturrecherche und das Vertrautmachen mit dem bearbeiten Themengebiet unerlässlich.

  • Ziele
    • Beantwortung einer wissenschaftlichen Fragestellung
    • Untersuchung der Relevanz einer Forschungsfrage
    • Kennenlernen eines Forschungsgebiets
    • Identifikation von relevanten Problemen / Formulierung neuer Fragestellungen
  • Nachbedingungen
    • Fundierte Kenntnis von Lösungsansätzen mit gleicher/ähnlicher Fragestellung und deren Schwächen
    • Kenntnis der wichtigsten Konferenzen/Journal/Workshops in einem Fachgebiet.
    • Kenntnis der wichtigsten Persönlichkeiten in einem Fachgebiet.
    • Kategorisierung bzw. Klassifizierung bestehender Lösungsansätze.

Typische Fehler

  • Unreflektierte Suche im Web: Eine Literaturrecherche bedeutet nicht, dass Sie den vom Betreuer erhaltenen Titel der Arbeit bei Google Scholar eingeben und die Abstracts der 3 ersten Suchtreffer in ihre Ausarbeitung kopieren. Erstens sind die verwendeten Schlüsselwörter oftmals nicht aussagekräftig und es kann vorkommen, dass schon sehr ähnliche Arbeiten mit lediglich anderen Bezeichnungen existieren. Zweitens sortieren solche Suchmaschinen nur bedingt nach der wissenschaftlichen Relevanz. Wird lediglich die Anzahl der Zitierungen als Indikator verwendet, so werden neuere, relevantere Arbeiten (mit noch weniger Zitierungen) erst weiter hinten in den Suchergebnissen auftauchen. Drittens erlangt man über eine solche Suche keine wirkliche Kenntnis über sein Fachgebiet. Stattdessen ist es erforderlich systematisch die Suchbegriffen zu variieren und die themenrelevanten Konferenzen/Journals/Workshops der letzten Jahre gezielt abzusuchen. Desweiteren sollte Sie verschiedene Suchmaschinen einsetzen (siehe unten), die durchaus abweichende Ergebnisse liefern. Außerdem sollten Sie auch die Bibliothek aufsuchen und sich mit der Grundlagenlitertur vertraut machen.
  • Schnelle Aufgabe: Können bei einer Literaturrecherche auf Anhieb keine verwandten Lösungsansätze gefunden werden, sollten Sie sich nicht zu schnell zufrieden stellen und einen eigenen Lösungsansatz ausarbeiten. Die Aussage "Es gibt keine verwandten Lösungsansätze, ich bin der erste, der diese Fragestellung löst!" deutet in 99% aller Fälle auf ein Problem hin. Zunächst sollten Sie sich der Relevanz ihrer wissenschaftlichen Fragestellung vergewissern. Wenn das Problem tatsächlich relevant und wichtig wäre, ist es sehr unwahrscheinlich, dass nicht schon andere Forscher versucht haben es zu lösen. In diesem Fall ist es ratsam, sich klar zu machen warum andere noch nicht an dem gleichen Thema gearbeitet haben. Insbesondere sollten Sie bei einer erneuten Literaturrecherche von der konkreten Problemstellung abstrahieren, und weniger fokussiert nach zumindest ähnlichen Arbeiten suchen. Oftmals gibt es in anderen Kontexten durchaus Arbeiten mit ähnlichen Methoden oder Lösungsansätzen, die sich nur auf eine andere Domäne beziehen.
  • Unzureichende Berücksichtigung von Grundlagenliteratur: Bei einer Literaturrecherche ausschließlich über Internet-Suchmaschinen werden meist einschlägige Standardwerke (etwa Bücher) nicht oder nur unzureichend berücksichtigt. Natürlich können Sie nicht alle Bücher zu einem Fachgebiet durcharbeiten, trotzdem sollten Sie ihren Betreuer nach den bekannten Grundlagenarbeiten fragen und diese auf Antworten zu ihrer Forschungsfrage absuchen. Die Seite Literatur im SDQ-Kontext kann dabei als Startpunkt dienen. Es ist (gerade bei theoretischeren Arbeiten) durchaus möglich, dass eine Websuche zu einem Thema nicht erfolgreich ist, da das Thema schon vor Aufkommen des WWW bearbeitet wurde und in allgemein bekannten Büchern behandelt wird.
  • Fehlende Zitierung von ähnlichen Lösungsansätzen: Zitiert eine Ausarbeitung eine wichtige Literaturreferenz nicht, ist das problematisch. Es demonstriert ein unsauberes wissenschaftliches Vorgehen [1]. Es kann dann passieren, dass Arbeit wiederholt wird ohne daraus ein Wissensinkrement zu generieren. Der vorgeschlagene Lösungsansatz kann schlechter oder unvollständig gegenüber anderen Arbeiten sein. In jedem Fall zeigt es die mangelnde Kenntnis des Autors von seinem Fachgebiet. Gerade ein solche Kenntnis wird aber von einem Diplomanden erwartet, der sich 6 Monate mit einem abgegrenzten Thema beschäftigt hat.
  • Fehlende Zitierung von Abbildungen: Übernimmt man Abbildungen aus wissenschaftlichen Artikeln, so müssen Quellenangaben beigefügt werden.
  • Naive Tiefensuche: Eine Tiefensuche beinhaltet das rekursive Verfolgen aller Referenzen einer Quelle. Natürlich macht es Sinn sich diese Arbeiten genauer anzuschauen, denn sie wurden ja offensichtlich von den Autoren der vorliegenden Quelle als wichtig eingeschätzt. Problematisch an der Tiefensuche ist, dass die Anzahl der zu lesenden Paper dabei exponentiell steigen kann, wenn man keine Grenzen setzt. Daher sollte man zunächst die Literatur vollständig lesen, die man von seinem Betreuer erhält, bevor man selbständig weitersucht.
  • Fehlerhafte oder unvollständige Literaturreferenzen: Es genügt nicht die URL eines Papers zu referenzieren. Die Angabe des Titels, Autors, Journals/Konferenz/Workshop, usw. sind essentiell.
  • Nutzung von minderwertigen Quellen: Bei der Zitierung von Quellen, die ausschließlich im Web verfügbar sind, sollte man sich der geringen Glaubwürdigkeit aufgrund von mangelnder Begutachtung klar sein. Ein Wikipedia-Eintrag kann potentiell von jedem (auch fehlerhaft oder bewusst irreführend) editiert werden. Eine Veröffentlichung in einer wissenschaftlichen Zeitschrift unterliegt dagegen strengen Begutachtungsrichtlinien und wurde mehrfach von Fachleuten untersucht, was die Glaubwürdigkeit grundsätzlich wesentlich erhöht. Überlegen Sie also bevor Sie eine Webseite zitieren, ob nicht doch die gleichen Informationen aus wissenschaftlich begutachteten Quellen gezogen werden können.
  • Nachträgliche Literaturrecherche: Eine Literaturrecherche muss immer VOR Beginn der Ausarbeitung eines eigenen Lösungsansatzes erfolgen, nicht erst nachträglich. Erst wenn alle Zweifel ggü. den Möglichkeiten existierender Arbeiten ausgeräumt sind, sowie die Relevanz der eigenen Fragestellung gesichert ist, sollte mit einem eigenen Ansatz begonnen werden. Kein ernsthafter Wissenschaftler vertut seine Zeit mit der Bearbeitung bereits gelöster oder irrelevanter Probleme. Natürlich ist es aber auch so, dass sich bei der Ausarbeitung eines eigenen Ansatzes neue Einsichten ergeben, so dass währenddessen bzw. danach ggf. erneut nach Literatur gesucht werden sollte.
  • Herabwürdigung verwandter Arbeiten: Oftmals geschieht es in Vorträgen und Ausarbeitungen, dass bei der Vorstellung verwandter Arbeiten nur deren Fehler gelistet werden, und diese Lösungsansätze als minderwertig dargestellt werden. Natürlich wollen die Vortragenden dadurch ihre eigene Arbeit motivieren. Man sollte sich dabei allerdings bewusst machen, dass auch die eigene Arbeit IMMER voll von einschränkenden Annahmen und Defiziten ist. Insofern ist es überzeugender (gerade bei jungen Vortragenden) und gegenüber den Zuhörern weniger herausfordernd, die anderen Arbeiten zu würdigen und seine eigene Arbeit eher als Verbesserung eines Details vorzustellen (was sie nämlich auch ist). Machen Sie sich den Sinn des Google Scholar Mottos "Stand on the shoulders of giants" bewusst.

Vorgehen

  • Dauer
    • Im Allgemeinen empfiehlt es sich vor Beginn der Literaturrecherche einen verbindlichen Endzeitpunkt festzusetzen, da in der Regel beliebig viel Zeit dafür investiert werden kann.
    • Seminararbeit: ca. 2 Wochen (hier ist die Literaturrecherche ein Hauptteil der Arbeit)
    • Abschlussarbeit (BSc/Master): TODO: ...
    • Dissertation: min. 6 Monate (hier beinhaltet die Literaturrecherche auch oft die Identifikation relevanter Fragestellungen)
  • Suche
    • Beginnen Sie mit den Artikeln, die Sie von Ihrem Betreuer erhalten.
    • Untersuchen Sie die Publikationslisten der Autoren dieser Artikeln sofern Sie glauben dort noch weitere wichtige Informationen finden zu können.
    • Untersuchen Sie die Journals bzw. die Konferenzen in denen diese Artikel veröffentlicht wurden. Bei der ACM, IEEE, oder Elsevier gibt es pro Journal oder Konferenz oft eigene Suchmasken, die Sie dafür nutzen können.
    • Versuchen Sie zuerst die möglichst höchstwertige Literatur zu finden (erst Buch, dann Journal, dann Konferenz, dann Workshop, dann Web). Im allgemeinen sind die Transaction on Software Engineering von IEEE und ACM hochwertige Journals.
    • Variieren Sie die Suchbegriffe. Fragen Sie Ihren Betreuer nach alternativen Suchbegriffen.
    • Kombinieren Sie ihre Suchbegriffen mit "Survey", "Taxonomy", "Overview", "Classification" um Überblicksartikel zu finden, die die Literaturrecherche erleichtern.
    • Benutzen Sie verschiedene Suchmaschinen.
    • Suchen Sie nach Artikeln die von mehreren der Ihnen bereits vorliegenden Quellen zitiert werden.
    • Nutzen Sie bei Google Scholar die Funktion "Recent Articles" bzw. die erweiterte Suche, um die Jahreszahlen einzuschränken und auch neuere Artikeln zu finden.
    • Geben Sie Ihrem Betreuer frühzeitig Feedback über ihre Recherche. Er/Sie kann Ihnen behilflich sein, minderwertige oder irrelevante Literatur schnell auszusortieren.
    • Wenn Sie die PDF-Datei eines Artikels im WWW nicht finden können, schreiben Sie dem Autor eine Mail und bitten Ihn höflich darum.
  • Lesen von Artikeln
    • Selektiv lesen: Erst Abstract, Introduction, Conclusion lesen. Abbildungen anschauen. Dann entscheiden, ob man den ganzen Artikel liest. Verschwenden Sie keine Zeit mit dem Durcharbeiten von irrelevanten Arbeiten. Für Doktoranden ist es aufgrund des Umfangs der verfügbaren Literatur essentiell einen "Filter" gegenüber minderwertigen Arbeiten zu entwicklen und diese schnell auszusortieren können.
    • Zielgerichtet lesen: Gehen Sie mit konkreten Fragen an einen Text heran und versuchen Sie diese Fragen beim Lesen zu beantworten. Notieren Sie sich ihre Fragen BEVOR Sie mit dem Lesen beginnen und untersuchen Sie den Artikel aus der Perspektive Ihrer Fragestellung. Oftmals liest man einen Artikel mit einer bestimmten Fragestellung im Hintergrund ganz anders als wenn man unreflektiert lesen würde. Meist kann man dann auch viele Details eines Lösungansatzes überspringen und nur die für die Fragestellung relevanten Punkte untersuchen.
    • Kritisch lesen: Hinterfragen Sie die Aussagen, die ein Text macht. Glauben Sie nicht alle Aussagen auf Anhieb, auch wenn ein Artikel bei einer Konferenz oder in einem Journal erschienen ist. Streichen Sie sich Stellen an, die Sie nicht verstehen, und fragen Ihren Betreuer oder ggf. den Autor danach.
  • Umgang mit Literatur
    • Aufbau eines eigenen Literaturverzeichnisses: Erstellen Sie für Ihr Fachgebiet ein eigenes kleines Literaturverzeichnis. Dazu können Sie Bibtex-Einträge sowie PDFs sammeln und diese mit Jabref verwalten. Nehmen Sie nur Arbeiten auf, die Sie als essentiell für Ihr Fachgebiet einstufen. Solch ein Literaturverzeichnis können Sie dann bei der Erstellung Ihrer Ausarbeitung bzw. beim Schreiben von Publikationen direkt nutzen.
    • Bearbeitung von Texten: Den Umgang mit Texten (etwa Markierungen, Zusammenfassungen schreiben) sollten Sie in der Schule gelernt haben. Für Doktoranden empfiehlt es sich aus Erfahrung von wichtigen Artikeln kurze, eigene Zusammenfassungen (auch stichpunktartig) mit Kommentaren zu erstellen. Damit persistieren Sie was Sie gelesen haben und können auch nach langer Zeit schnell wieder die wichtigsten Aussagen eines Artikels rekonstruieren. Ansonsten besteht die Gefahr, dass man nach einigen Monaten nicht mehr weiss, was man alles gelesen hat.
    • Aktualität: Erstellen Sie sich eine URL-Liste der wichtigsten Journals, Konferenzen, usw. Ihres Fachgebietes und scannen Sie deren Webseiten etwa monatlich, um auf dem neuesten Stand zu bleiben.

Bewertung von Literatur

  • Kategorien
    • Buch (Book): umfassend, selten aktuell
    • Wissenschaftlicher Zeitschriftenartikel (Journal): themenspezifisch, aktuell, sehr gründlich von Fachleuten begutachtet
    • Konferenzartikel/Workshopartikel (Inproceedings): themenspezifisch, sehr aktuell, weniger gründliche Begutachtung, weniger ausgereifte Ansätze
    • Text im Web (Misc): schnell und leicht zu finden, nicht begutachtet, schlecht referenzierbar
  • Bewertungskriterien
    • Veröffentlichungsmedium: Ist es ein hochwertiges Journal, eine hochwertige Konferenz (meist daran zu erkennen, dass sie von der ACM oder IEEE unterstützt werden)? Vorsicht bei "neuen", nicht etablierten Konferenzen (1st International Conference/Workshop on ...). Ist es eine gedruckte (besser) oder rein elektronische Veröffentlichung?
    • Anzahl der Zitierungen: Suchmaschinen wie Google Scholar sortieren Literatur danach wie oft sie zitiert wurde.
    • Autoren: Sammeln Sie Informationen über die Autoren. Artikel von Doktoranden sind in der Regel weniger ausgereift als die von erfahrenen Professoren. Finden Sie heraus, ob die Autoren schon vorher zu dem gleichen Thema publiziert haben und damit erfahrener sind.
    • Abstract: Überlegen Sie schon beim Lesen eines Abstracts: Ist das bearbeitete Problem klar beschrieben? Ist das bearbeitete Problem relevant? Wird ein Hinweis auf verwandte Arbeiten gegeben? Gibts es eine Validierung der Ergebnisse in Form eines formalen Beweises oder einer Fallstudie? Wenn Sie nach Lesen des Abstracts bzw. der Introduction diese Fragen negativ bzw. nicht beantworten können, ist das oft schon ein Hinweis auf eine minderwertige Publikation.

Literatursuche im Internet

Für die langfristige Literatursuche und Finden von aktuellen Artikeln (eher für Doktoranden) eignet es sich, eine Notifcation für die wichtigsten Journals im eigenen Fachgebiet einzurichten. Notifications gibt es bei IEEE (z.B. IEEE Software), sciencedirect.com (Elsevier, z.B. Performance Evaluation und JSS), Springer (z.B. SoSym und ESE). Auf den Webseiten der Verlage kann man sich die Liste der Journals anzeigen lassen und für die, die interessant klingen, eine Notification einrichten.

Software-Werkzeuge

  • BibTeX: Ein Programm zur Erstellung von Literaturverweisen mit LaTeX. Siehe auch BibTeX-Literaturlisten
  • Jabref: Ein graphisches Werkzeug zur Verwaltung von BibTeX-Einträgen. Die BibTeX-Einträge können mit PDF-Dateien verknüpft werden, damit eignet sich das Werkzeug auch gut als Literaturdatenbank.

Siehe auch